Illustration eines Kindes auf den Schultern des Vaters mit Darstellung von Therapiebausteinen

Diagnose Mukoviszidose: Was Eltern wissen sollten

Wenn das eigene Kind die Diagnose Mukoviszidose erhält, ist dies für Eltern erstmal ein Schock. Viele Fragen kommen auf: Kann mein Kind ein normales Leben führen? Wie kann ich zur bestmöglichen Behandlung beitragen? Was braucht mein Kind, um gesund zu bleiben? Oberärztin Dr. Jutta Hammermann vom Universitäts-Mukoviszidose-Centrum Dresden klärt auf. 

Erstellung des Artikels: 2022 (zuletzt aktualisiert: Januar 2024)

Sich mit der Mukoviszidose-Diagnose auseinandersetzen zu müssen, ist für Eltern ein schwerer Schritt. Zunächst kann es sich anfühlen, als würde die ganze Welt stillstehen und es braucht Zeit, die Diagnose wirklich zu akzeptieren. Gerade diese Zeit ist wichtig, bevor sich Betroffene den vielen neuen Herausforderungen, die plötzlich auf sie zukommen, stellen können. Das behandelnde Ärzteteam sollte an dieser Stelle zur Seite stehen, um der Familie Schritt für Schritt alle wichtigen Informationen nahezulegen. Von Anfang an ist eine offene Kommunikation das A und O. 

Über Dr. Jutta Hammermann

Schon seit 20 Jahren ist Dr. med. Jutta Hammermann als Ärztin für Mukoviszidose tätig. Derzeitig arbeitet sie als Oberärztin im Universitäts-Mukoviszidose-Centrum (UMC) in Dresden. Der Fokus des UMC liegt auf der interdisziplinären Versorgung von Kindern, Erwachsenen und deren Familien, die aufgrund der Mukoviszidose-Diagnose im Krankenhaus und ambulant behandelt werden. 

Die Schritte nach der Diagnose

Nach dem Neugeborenenscreening zeigen sich erste Symptome oft im Verdauungstrakt. „Kinder sind oft hungrig und trinken viel, nehmen aber nicht an Gewicht zu“, beschreibt Dr. Hammermann. Die Ernährung ist dementsprechend das Erste, was mit Hilfe von Medikamenten unterstützt wird. Gerade am Anfang ist es außerdem wichtig, dass Eltern über die Erkrankung sowie ihre Therapie aufgeklärt werden und präventive Maßnahmen kennenlernen, beispielsweise die Einführung in die Inhalationstherapie, schon bevor sichtbare Beschwerden auftreten.

Da Mukoviszidose eine komplexe Erkrankung ist, erfordert die Pflege und Behandlung der Betroffenen Teameinsatz. Fachleute und spezialisierte Personen, darunter CF-Krankenpflegekräfte und -Behandelnde, Ernährungsberaterinnen und -berater, Psychologinnen und Psychologen und Atemtherapierende begleiten das Leben der kleinen Betroffenen und ihrer Eltern von Anfang an. Daher wird nach der Diagnose viel Wert daraufgelegt, dass Eltern das CF-Team gut kennen und den Behandelnden vertrauen.

 

Die Therapie soll, wenn möglich, so in den Alltag eingebaut werden, dass sie wenig auffällt. Dr. Hammermann
Das Neugeborenenscreening

Im Rahmen des Neugeborenenscreenings werden in Deutschland alle Neugeborenen auf angeborene Stoffwechselerkrankungen untersucht. Die Früherkennung dieser Krankheiten ist wichtig, da durch eine frühzeitige Therapie die Folgen der Erkrankungen abgewendet oder zumindest sehr stark abgemildert werden können. Seit 2016 beinhaltet das Neugeborenenscreening bundesweit auch die Untersuchung auf Mukoviszidose. [1]

Weitere Informationen zum Neugeborenenscreening, etwa der Ablauf und wie der Schweißtest funktioniert, findet ihr hier.  Im Artikel berichtet ein Vater von einem Mukoviszidose-betroffenen Sohn von der Zeit nach der Diagnose. Auch auf CFSource.de gibt es viele wissenswerte Informationen zur Diagnose und zum Leben mit CF. 
 

Eigenverantwortung übernehmen – Wissen ist Macht

Die ersten Fragen eines Kindes zur Mukoviszidose kommen oft mit dem Kindergarten-Besuch oder dem Schulbeginn. Er oder sie sieht, dass andere Kinder keine Enzyme nehmen oder kein tägliches Atemwegstraining machen. Hier ist es für den Umgang mit der eigenen Erkrankung wichtig, dass CF-betroffene Kinder ein gutes Verständnis dafür entwickeln, was die Erkrankung bedeutet. [2] 

 

Gemeinsam mit dem CF-Team sollten Eltern ihre Kinder also über zystische Fibrose aufklären, um zu verstehen, warum die Therapie so wichtig ist, erklärt Dr. Hammermann. Das betrifft auch die richtige Ernährung, die Einnahme von Enzymen und anderen Medikamenten und die Reinigung der Lunge. „Wenn man weiß, wofür man Dinge tut, fällt es einem auch leichter, sie zu akzeptieren. Auf diese Weise lernen Kinder früh, warum und wie sie Medikamenten einnehmen oder Inhalationen und Therapien durchführen müssen. Sie werden selbstständiger und können früher auch ihre eigenen Wege gehen“, beschreibt die Ärztin. 
 

Wir möchten, dass aus den betroffenen Kindern selbstständige Jugendliche und Erwachsene werden, die ihren eigenen Weg gehen. Dr. Hammermann

Schulleben mit CF

Die Behandlung von Mukoviszidose muss nicht nur zu Hause, sondern auch in Kindergarten und Schule integriert werden. In den meisten Fällen verläuft der Alltag dort sehr unkompliziert. Es gibt trotzdem einige Aspekte, die beachtet werden müssen: „Es sollte offen mit den Einrichtungen über die Erkrankung kommuniziert und aufgeklärt werden“, rät die Oberärztin.

Zentrale Punkte, die vorher abgeklärt werden müssen, sind beispielsweise die Hygienebedingungen und die Ernährung. Wie sind die Einrichtungen vor Ort ausgestattet? Wer kümmert sich um die Einnahme der Medikamente? Das sind Dinge, die vorher besprochen und zusammen entschieden werden müssen. 

Lesetipp: Informationen zum Eintritt in den Kindergarten und wichtige Hinweise findet ihr in unserem Artikel "Herausforderung Kindergarten? Das muss nicht sein“.

So bleiben CF-Kinder motiviert

„An erster Stelle muss die Erkrankung innerhalb der Familie akzeptiert und nicht negativ belegt sein. Aspekte der Therapie, die nicht angenehm sind, sollten einen gewissen ‚Eventcharakter‘ haben und, wenn möglich, gemeinsam durchgeführt werden“, erklärt die Expertin. Belohnungssysteme bei Babys oder kleinen Kindern sind möglich, auch wenn laut Dr. Hammermann viele Kinder die Therapie relativ schnell akzeptieren.

 

Bei Jugendlichen kann allerdings eine Thereapiemüdigkeit entstehen. Hier können gemeinsame Kompromisse eingegangen werden. Ein Beispiel von Dr. Hammermann: „Wenn mit den vom CF-Team empfohlenen Therapieplänen keine Befundstabilisierung zu erreichen ist oder der Verdacht besteht, dass die Therapie nicht wie empfohlen durchgeführt wird, kann man versuchen, mit den Jugendlichen eine Art 'Behandlungsvertrag' mit kurzfristiger Erfolgskontrolle zu schließen. Auch eine Therapie-Umsetzung nach Wunsch der Jugendlichen ist mit kurzfristiger Kontrolle möglich, um dann einen gemeinsamen Weg im Sinne der Patientengesundheit zu finden.“ Wichtig ist es, die Ehrlichkeit und den Austausch zu erhalten. Des Weiteren sollten auch positive Dinge angesprochen, nicht zu viel Druck aufgebaut und kurzfristige Ziele gesetzt werden, so die Expertin. 

Ein erfülltes Leben trotz Mukoviszidose

Nach einer Weile muss die Erkrankung nicht mehr nur beängstigend sein. Eltern und ihre Kinder lernen, mit der Erkrankung möglichst normal umzugehen. Dazu gehört es, schöne Momente in den Alltag einzubauen und das Leben als Familie intensiv zu genießen. Auch Wünsche des betroffenen Kindes, wie beispielsweise Klassenfahrten oder auch ein Auslandsjahr, sollten in Absprache mit dem CF-Team verwirklicht werden, denn es ist wichtig, Normalität zuzulassen. „Patientinnen und Patienten sollten nicht unter eine Glasglocke gesetzt werden oder sich nur mit der Krankheit auseinandersetzen“, führt die Expertin fort. 

Die vielen Herausforderungen, die mit der Diagnose einhergehen, sind zunächst eine große Bürde, lassen sich aber mit Hilfe von Beratung und enger Zusammenarbeit des CF-Teams bewältigen. 
 

Tipps für Eltern von CF-betroffenen Kindern
  1. Nach der Diagnose: Sich Zeit lassen, um die Diagnose zu akzeptieren, ist wichtig. In diesem Prozess sollten die Eltern unterstützt und umfassend über CF informiert werden, um ihr Kind in allen Lebensbereichen, der Behandlung und im sozialen Umfeld unterstützen zu können. 
  2. Das Kind über die Erkrankung aufklären: Die Auseinandersetzung mit der eigenen Erkrankung ist wichtig, um die Situation zu verstehen und selbstständig zu handeln. 
  3. Im Alltag: Die Therapie sollte so in den Alltag integriert werden, dass sie möglichst unauffällig ist. Schöne Momente sollten genossen und Wünsche des Kindes erfüllt werden. 
  4. Hilfe annehmen: Eltern sollten auch Hilfe von außen annehmen und sich an das Behandlungsteam wenden, wenn Fragen oder Unsicherheiten auftreten. Dieses hat praktische Tipps zum Leben mit CF parat und informiert unter anderem über Selbsthilfegruppen und neue Therapien.
  5. Freizeit ermöglichen: CF-Kinder sollten ermutigt werden, Hobbies, Sport und Freizeitbeschäftigungen nach ihren Wünschen ausleben zu können. Eltern sollten darauf achten, dass ihr Kind körperlich aktiv ist und mit gutem Beispiel vorangehen. Sportliche Aktivitäten oder Hobbys können schließlich auch gemeinsam durchgeführt werden. 
Selbsthilfegruppen und ihre Vorteile

Psychische Symptome gehören zur Mukoviszidose dazu – für Betroffene, aber auch für Eltern. Der Mukoviszidose e.V. bietet hierfür fundiertes Wissen. Auch Ansprechpartnerinnen und          -partner und regionale Selbsthilfegruppen können auf der Seite gefunden werden. Zum CF-Team gehören auch immer Psychologinnen und Psychologen, welche nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch ihre Eltern unterstützen können. 

Dr. Hammermann beschreibt den Austausch zwischen Eltern mit CF-Kindern und das Sprechen über die Erkrankung als wichtig. „Es ist sehr hilfreich Erfahrungen auszutauschen und zu hören, dass man nicht allein ist. Das gibt Hoffnung. Informationen von anderen Betroffenen sind etwas ganz anderes als Informationen von Behandelnden.“
 

Der Austausch mit anderen Eltern ist sehr hilfreich, denn dieser gibt ihnen Informationen aus einem anderen, sehr wichtigen Blickwinkel. Dr. Hammermann

DE-20-2400004

Quellen

1) MukoStories Artikel "Auffälliger Befund beim Neugeborenenscreening: Wie geht es weiter?“ Online verfügbar unter: https://www.mukostories.de/auffaelliger-befund-beim-neugeborenenscreening (zuletzt abgerufen am 26.02.2024) 
2) KidsHealth. Online verfügbar unter:  https://kidshealth.org/en/parents/cf.html (zuletzt abgerufen am 26.02.2024)